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NORD Magazin 2007
Passend zum NORD Event „NORD Style“ (mehr Info) ist das neue NORD Magazin erschienen. Genau wie NORD Style setzt die aktuelle Ausgabe des NORD Magazins einen Schwerpunkt auf das skandinavische Design. Wir interviewten die schwedische Designerin Monica Förster, die gerade zur Designerin des Jahres gekürt wurde, präsentieren Ihnen smartes Design für Kids und das Modedesignprojekt Prime Design. Darüber hinaus bietet das NORD Magazin einen City-Guide für Kopenhagen, einen ausführlichen Artikel über die Kunsthalle im Stockholmer Vorort Tensta und eine Fotostrecke mit den spannendsten Modedesignern aus dem Norden. Außerdem erwähnenswert ist, dass NORD mit dieser Ausgabe Zuwachs bekommen hat. Das SÜD Magazin stellt ab sofort Akteure und Events in Berlin vor, denn auch hier gibt es viel, was für ein skandinavisches Publikum von Interesse ist.Das NORD Magazin – inklusive seiner Schwester SÜD – liegt wie gewohnt in den Berliner Kulturinstitutionen, Cafés und Clubs aus. Ihr eigenes Exemplar gibt es hier als PDF zum Download und jetzt neu auch unter scandstyle.de zu bestellen!




Man hat ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn man das Wort Skandinavien hört und meistens sind es Stereotype, an die man zu erst denkt. Blond, groß, blauäugig. Eine rot gestrichene Holzhütte am Ufer eines Sees vor der ein Volvo parkt. IKEA und Pippi Langstrumpf, Fjorde und wilde Natur, Wodka und Sauna. Vorurteile, Normen und Genres, wieso müssen wir eigentlich immer und ständig alles in Schubladen stecken und mit einem Label versehen? Stereotype haben eine nützliche Funktion, weil sie unsere Wahrnehmung des Alltags vereinfachen und helfen, unser Weltbild zu organisieren und unser Leben zu meistern. Ordnung und Perfektion– typisch deutsch?!Aber ist es überhaupt möglich, über etwas als typisch deutsch beziehungsweise typisch skandinavisch zu sprechen? Was wäre dieses Typische? Bei jeder Sache gibt es immer mindestens genauso viele Charakteristika wie Ausnahmen. In Skandinavien haben Tradition, Geschichte und die umgebende Natur bestimmte vereinende und gleichzeitig ausgrenzende Fakten wie Sprache, Landesgrenzen oder Verhaltensweisen erschaffen, die es möglich machen, von der Gruppe der Skandinavier und dem geographischen Ort Skandinavien zu sprechen.  Nichtsdestotrotz sind nationale Grenzen heute nicht mehr so wichtig, die heutigen Grenzen verlaufen eher entlang gemeinsamer Werte. Die Bewohner eines Landes haben verschiedene soziale und kulturelle Hintergründe. Unsere Umwelt ist in ständiger Veränderung und der internationale Markt wächst, die Welt „schrumpft“ und die Menschen reisen immer mehr. Die kulturelle Globalisierung fördert den internationalen Austausch und Künstlern eröffnen sich ständig Eindrücke aus anderen Kulturen und Ländern. Gibt es unter solchen Umständen überhaupt noch nationale Eigenheiten oder sind diese im Zuge der Internationalisierung auf der Strecke geblieben?

Scandinavian Design for Living – and Selling
Wenn etwas als „typisch” bezeichnet wird, hat dies meist einen negativen Beigeschmack. „Typisch“ wird etwas, wenn man nicht genug Fakten kennt, um genauer zu differenzieren und sich stattdessen einfach bestehender Vorurteile und Stereotype bedient. „Typisch“ wird etwas, wenn man zu faul ist, Fragen zu stellen und zu bequem, um neue Entwicklungen zu akzeptieren. Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören, Deutsche sind Kartoffelfresser und Finnen Säufer. Dahingegen wird der Begriff „typisch Skandinavisch” meist in einem positiven Kontext benutzt, im Marketing oder so genannten Nation Branding zum Beispiel. Vor allem die schwedische Regierung war immer sehr darauf erpicht, diese positive Voreingenommenheit auszunutzen, um im Ausland ein vorteilhaftes Image von Schweden zu unterfüttern, dessen Idealbeschreibung folgendermaßen lautet: „Schweden ist ein sauberes, demokratisches und schönes Land mit hoch entwickelter Industrie, interessanter Kunst und gutem Design.“ Dabei ist Design das Aushängeschild Nummer eins. Die Wortkombination „skandinavisches Design“ ist wie ein Mantra, das durch eine unendliche Wiederholung die Existenz eines besonderen, nordischen Designstils selbst heraufbeschworen hat. Das allererste Mal wurde der Begriff „skandinavisches Design“ im Jahre 1951 anlässlich der Londoner Ausstellung „Scandinavian Design for Living” geprägt. Die Ausstellung präsentierte Möbel und andere Einrichtungsgegenstände verschiedener skandinavischer Designer. Schon bald darauf hatte sich der Ausdruck „skandinavisches Design“ als Stilbegriff für eine besondere Formensprache etabliert, der in den folgenden Jahren noch weitere internationale Ausstellungen gewidmet wurden. Die ausgestellten Objekte zeugten von großem handwerklichem Können und boten eine Alternative zur damaligen Massenproduktion. Aufgrund der schlechten Versorgungslage nach dem zweiten Weltkrieg wurden leicht erhältliche, heimische Baustoffe und Materialien verwendet: Eiche, Birke, Schilf, Ton, Lehm und Leinen. Die Produkte signalisierten Design für die Hausfrau, den Heimwerker und die Familie. Schon bald wurde der Begriff skandinavisches Design mit dem skandinavischen Modernismus der 1950er und 1960er Jahre assoziiert und repräsentierte nicht mehr ausschließlich Design, sondern den allgemeinen skandinavischen Charakter. Die Verwendung von Holz wurde als die Liebe der Skandinavier zur Natur interpretiert und die Einfachheit und Funktionalität der Möbel und Wohnungen als Symbol für den gleichberechtigten, demokratischen Lifestyle. In Deutschland waren es gerade diese demokratischen Gedanken, die das skandinavische Design so beliebt machten. Endlich konnte man anständiges, funktionales Design zu einem erschwinglichen Preis erstehen. Vor allem das Regalsystem „String“ des Schweden Nisse Strinning wurde ein großer Erfolg. Es erfüllte die Bedürfnisse der deutschen Kunden von 1950: In seiner puristischen Leichtigkeit bot es viele unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten und vor allem war es überall zu einem guten Preis zu haben. Ein anderes skandinavisches Designelement, das einen stilistischen Abdruck in Deutschland hinterließ, waren die dänischen Teakmöbel von Hans Wegner oder Finn Juhl. Die Kombination von weiten, offenen Flächen und klaren Möbeln symbolisierten ein perfektes, reinliches Zuhause.
Viele der Assoziationen, die der Begriff „skandinavisches Design“ heutzutage weckt, haben ihren Ursprung in dem damals typischen skandinavischen Stil, der von Qualität, praktischen und durchdachten Produkten, klaren Linien, Funktionalität und der Verwendung von Naturmaterialien geprägt war. Soziales und demokratisches Denken waren damals wie heute die Schlagwörter, mit denen man das skandinavische Design beschrieb. Es ist wahr, dass diese Eigenarten im skandinavischen Design immer noch spürbar sind. IKEA hat seit 1943 die Vision, gute Möbel für jedermann zu machen und die durchdachten Architektur- und Designlösungen im öffentlichen Raum sind in Skandinavien kaum zu übersehen. Aber hat sich das skandinavische Design nicht auch weiterentwickelt? Und wenn ja, was umfasst der Begriff heute?



Du bist skandinavisch!
Schon häufig wurde skandinavischen Designinstitutionen vorgeworfen, dass sie für internationale Ausstellungen nur solche Objekte und Designer auswählen, die in das gebrandete Image des skandinavischen Designs passen, mit dem sie schon so lange so gut gefahren sind. Obwohl es in Skandinavien selbstverständlich auch Design jenseits des Birkenholzes und der schlichten Linien gibt, wird immer wieder auf die erprobten Formen zurückgegriffen, die das klassische skandinavische Designimage bestätigen und stärken. Dieses Image wird zur Norm und alles, was von ihr abweicht, ist uncharakteristisch und unskandinavisch, auch wenn der Designer aus Göteborg, Kopenhagen oder Helsinki kommt. So hat das verspielte Mousepad des Schweden Ramin Chehrazi mit dem Aussehen eines fransigen Orientteppichs kaum Chancen, dem Ausland präsentiert zu werden, auch wenn es im Sortiment der Ladenkette „Designtorget“ angeboten wird, die vorrangig schwedische Designer vertritt. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Katrin Greiling aus München zum Beispiel wurde schon auf einigen internationalen Messen als skandinavische Designerin präsentiert, zuletzt auf der Möbelmesse in Köln. Sie wohnt und arbeitet seit neun Jahren in Stockholm und wurde 2006 für ihre Arbeit „Forest Aesthetics“ mit dem Preis für schwedische Nachwuchsdesigner ausgezeichnet. Ob dabei wohl eine Rolle gespielt hat, dass Greilings Konzeptinstallation eine Interpretation der skandinavischen Natur war? Eine von Vögeln inspirierte Lampe, ein Teppich, der einem Vogelnest nachempfunden war, eine Kollektion Taschen, die wie die Schuppen eines Tannenzapfens angeordnet waren. Design, das wieder einmal die Liebe der Skandinavier zur Natur widerspiegelte.
Skandinavisches Design baut vielleicht schon lange nicht mehr auf die geographische Zugehörigkeit, sondern einen bestimmten Stil auf und deswegen kann eine Designerin aus München genauso gut skandinavisches Design machen wie ein Designer aus Malmö. Wäre skandinavisches Design dann aber nicht nur eine Marke, ein Name für einen bestimmten Stil mit Vorliebe für helle, funktionale Holzmöbel und minimalistische Glasarbeiten, den die großen skandinavischen Kulturinstitutionen gerne im Ausland vorzeigen?     


Du hast keinen Geschmack!
2002 veröffentlichten die Designerin Zandra Ahl und die Journalistin Emma Olsson ein Buch namens „Swedish Taste“, das ein selten diskutiertes Thema aufgriff: Bei Design geht es um Macht und darum, wer die Regeln für guten Geschmack festlegen darf. Ahl und Olsson übten scharfe Kritik daran, wie Design in Schweden vermarktet und präsentiert wird und waren der Meinung, dass die öffentliche Designdebatte in Schweden „dumm, sexistisch und rassistisch“ sei. „Geschmack ist eine Frage des Status und immer noch sind es die weißen Männer der Mittelklasse, die diesen gepachtet haben, während Design von Frauen häufig zu dekorativem Nippes reduziert wird.“ Eine kleine Designelite hat laut Ahl und Olsson die Macht zu bestimmen, was gutes Design sei. Mit ihrem Buch wollten sie zeigen, dass es auch noch „andere Geschmäcker und ein anderes Schweden“ gibt. Das Buch sorgte für viel Medienwirbel und die Autorinnen wurden gleichermaßen gefeiert wie verhöhnt.
Ein Trend im skandinavischen Design der letzten Jahre ist eine Art „neuer Maximalismus“, der vielleicht als Reaktion auf den von Zandra Ahl bereits 1998 als magersüchtig bezeichneten Minimalismus interpretiert werden kann, der lange das Stilideal der Designinstanzen war. So ist derzeit viel Experimentierfreudigkeit und konzeptuelles Denken bei den skandinavischen Designern zu spüren. Die Designergruppe Front aus Stockholm hat sich mit dieser neuen Richtung in kürzester Zeit einen Namen gemacht, obwohl oder vielleicht gerade weil ihre Produkte teilweise geradezu kitschig anmuten. Zum Beispiel die Serie „Animal Thing“, die aus lebensgroßen Tierfiguren aus mattschwarzem Plastik besteht, einer Pferdelampe oder einem Schweinetisch, etwa. „Furniture to fall in love with at first sight, or hate forever”, lautet passender Weise das Motto der Front-Designerinnen Sofia Lagerkvist, Anna Lindgren, Katja Sävström und Charlotte von der Lancken, die sich durchaus der Ungewöhnlichkeit ihrer Produkte bewusst sind. Dabei wollten sie mit den Tierlampen nicht provozieren: „Wir machen einfach Sachen, die uns interessieren und die wir noch nie zuvor gemacht haben“, sagt Sofia Lagerkvist in einem Interview mit der Zeitung Svenska Dagbladet. Und der Auftrag für die Tierlampen lautete: „Macht eine Lampe, die auch Oma gefallen würde!“Apropos Oma: Ein weitere Entwicklung im skandinavischen Design, die eine Alternative zu den klaren Formen des Funktionalismus  eröffnet, ist die Wiederentdeckung der Handarbeit, und zwar in der Form, wie sie die jungen Designer noch von ihrer Großmutter kennen. Sticken, Häkeln und Stricken sind traditionelle Techniken, die in verschiedenen Design-Genres auftauchen, sei es bei den aufwändigen Kleidern von Sandra Backlund oder dem aus Haaren gefertigten Schmuck von Nina Sparr, der sich auf das weitervererbte Wissen der Frauen aus dem Dorf Vånhus in Dalarna bezieht. Vielleicht ist es eine Folge der Globalisierung, dass sich Künstler und Designer unter dem Eindruck weltweiter visueller Statements wieder auf heimische Traditionen besinnen, sich dieser aber in einer neuen, gebrochenen Form bedienen.



Eine exemplarische Vertreterin des neuen Maximalismus ist auch die Finnin Tuija Helena Markonsalo, die sich in den verspielten Formen und farbenfrohen Materialen ihrer Wandgobeline aus Pailletten und Perlen so weit vom herkömmlich „schlicht-schönen“ skandinavischen Design entfernt hat, dass man sich von ihnen in ihrer ungewohnten Überladenheit schon fast überfordert fühlt. Doch auch der skandinavische Maximalismus unterliegt den Regeln derjenigen, die die Macht haben, Trends zu setzen. Denn die Grundfrage bleibt dieselbe, egal ob die Einrichtungsmagazine neue Einfachheit inklusive weißer Lilien in Glaszylindern oder üppig gemusterte Ornamenttapeten, sinnliche Schlafzimmer in lila und schwarz oder Kronleuchter mit glitzernden Glassteinen als ultimativen Einrichtungstrend propagieren: Bestimme ich selbst über meinen Geschmack, oder überlasse ich das den Einrichtungszeitschriften und Möbelmessen mit ihren Homestories und Trendboards? Oder den weißen Mittelklassemännern, die in ihrer Position als Designexperten von Zeit zu Zeit Preise wie „Utmärkt svensk form“ (Ausgezeichnete schwedische Form) verteilen und damit Normen setzen?

Du bist ein Sexist!
Festzuhalten ist aber, dass die neue Generation Designer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das etablierte Design in Frage zu stellen und die Szene zu öffnen. Es gibt in Skandinavien viele Studien darüber, wie und warum Design entsteht – Wieso sehen die Dinge aus, wie sie es tun? Wie kann Design als intelligentes Werkzeug unser Denken und Handeln verändern? Es sind nämlich nicht nur die Promoter von Design, die Macht ausüben, sondern bereits das Design selbst kann uns durch seine Ausgestaltung beeinflussen und Botschaften kommunizieren. Die Wahl der Farbe und Formen sendet Signale an den Anwender, die bestimmte soziale Kodierungen haben. So soll die Farbe blau zum Beispiel Ehrlichkeit, Tradition und Technologie signalisieren während orange für Jugendlichkeit und Aktivität steht. Es wird angenommen, dass Frauen klare Blau- und Rosatöne mögen, während sich Männer eher von schwarz und Chrom angezogen fühlen. Dabei muss von vornherein gesagt werden, dass auch diese Vorlieben – falls es sie nun gibt – Folgen des Designprozesses sind. Denn wenn sich verallgemeinernd sagen lässt, dass Frauen bestimmte Formen und Farben bevorzugen und Männer andere, so ist dies nur aufgrund all der Charakteristika der Fall, die unsere Gesellschaft über Jahre hinweg geprägt haben und mit denen wir sozialisiert wurden. Design sagt uns ständig, was wir – in unseren verschiedenen Rollen als Frau oder Mann, Kind oder Rentner, Yuppie oder Hippie – als passend und unpassend zu empfinden haben. Wenn sich Produktdesigner bei ihrer Arbeit also dieser stereotypen Kategorien bedienen, hat dies zur Folge, dass alle Produkte, die zum Beispiel speziell für Frauen entworfen werden, bestimmte Farben und Formen haben. Die Konsequenzen sind bedeutend für unsere Gesellschaftsordnung: je länger alle Elektrogeräte für den Haushalt in den „typisch weiblichen“ Farben und Heimwerkerprodukte in den „typisch männlichen“ Farben gestaltet werden, desto länger wird auch die Botschaft übermittelt, dass Männer in der Küche nichts zu suchen haben und Frauen und Werkzeug einfach nicht zusammen passen.


Es scheint aber, als hätten einige Designer im Norden diesem Mechanismus den Kampf angesagt. Mit Hilfe von genderbewusstem Design versuchen sie, die traditionellen Rollenverteilungen in Bezug auf die Geschlechter nicht länger zu zementieren, sondern aufzulösen. Die Vereinigung „Svensk Form“, die Zandra Ahl 2001 noch zu den „Geschmacksfürsten Schwedens“ rechnete, hat im letzten Jahr eine Ausstellung mit dem Titel „Formigivning/Normgivning“ (Formgebung/Normgebung) veranstaltet, die sich mit der Genderperspektive im Design befasste. Weil die Geschlechterrollen schon im Kindesalter festgelegt werden, sei es wichtig, früh anzusetzen, meint der Designer Marcus Jahnke, der auch das Forschungsprojekt „Gender und Design” des Zentrums für Verbraucherwissenschaft der Handelshochschule Göteborg betreibt. Deswegen hat er Kinderkleidung entworfen, die die traditionellen Motive auf den Kopf stellt – ein Dinosaurier, der von Glitter umgeben ist, zum Beispiel. Auch das schwedische Unternehmen „u n i“ produziert geschlechtsneutrale Kinderkleidung und seine Zielgruppe sind Eltern, die „ihren Kindern die Möglichkeit geben wollen, zu den Individuen zu werden, die sie sind, anstatt zu dem Geschlecht, als das sie geboren wurden.”
Die Schwedin Karin Ehrnberger hat in ihrem Examensprojekt „Design und Gender – wie wir unsere Produkte gestalten und wie diese uns formen“ das Aussehen von einem Handmixer und einer Bohrmaschine vertauscht, um auf diese Weise mit Hilfe des Designs auf Stereotype aufmerksam zu machen. Karins Bohrer mit weichen, stromlinienförmigen Linien heißt „Dolphia Hand Drill“ und der Handmixer in dunkelgrün, schwarz und Stahl heißt „Tough and Rough – Mega Hurricane Mixer“. Auch wenn die meisten von uns sich nicht als Sexisten betiteln würden, müssen wir doch zugeben, dass schon so ein einfacher Trick wie das Vertauschen von gewohnten Formsprachen die vorgefertigten Schubladen in unseren Köpfen aus dem Leim gehen lässt. Denn unbewusst scheinen wir für Männer und Frauen doch nicht vorbehaltlos die gleichen gesellschaftlichen Bereiche vorzusehen.


Du bist ein Designer!
In Skandinavien hat die Do-it-yourself- und Heimwerkerbewegung in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Es gibt unzählige Fernsehshows, die einem beibringen wollen, wie man sich selbst ein perfektes und schönes Zuhause schaffen kann oder wie man seine Wohnung herrichten soll, damit man mit ihr einen möglichst hohen Preis auf dem Wohnungsmarkt erzielt. Dieses so genannte ‚home staging’ kostet – von einem Profi ausgeführt – gut 2000 Euro, derselbe Profi verspricht einem aber auch eine Gewinnsteigerung von mindestens 10 Prozent beim Verkauf der Wohnung. Überall wird einem gesagt, wie wichtig es ist, ein schönes Zuhause zu haben. Alle sollen ihr Heim stilvoll einrichten und Designer sein, sagt der neue Trend, kann auch jeder. Wie wichtig ist aber eigentlich der Designer hinter seinem Objekt? Vor ein paar Jahren versuchte IKEA, seine kreativen Köpfe in den Vordergrund zu rücken, indem die PS-Linie entwickelt wurde, bei der jeder Designer mit Namen, Bild und ein paar Fakten zu seinem Produkt präsentiert wurde. Dabei sind viele der Produkte, die über das Branding IKEA als super-schwedisch vermarktet werden, gar nicht aus schwedischer Feder. Auch IKEAs neue Exklusiv-Linie, die sogar den Namen der schwedischen Hauptstadt trägt, ist nicht von einer Schwedin, sondern einer Deutschen. Wiebke Braasch sieht zwar „typisch skandinavisch“ aus, ist aber aus Lübeck und die erste Deutsche, die in der Ikea-Designschmiede arbeiten darf.  Doch zurück zu den PS-Produkten: Auf einem Schwarzweißfoto sieht man im Katalog also den Designer und daneben sein Produkt, das sich durch die Zuordnung zu seinem Erschaffer aus der Masse der IKEA-Produkte hervorhebt und auch im Preis steigt. Und häufig ist es ja so, dass allein der Name des Designers mehr Wert ist als seine Produkte. Die Designergruppe Front hat zu diesem Thema eine Serie gefertigt, bei der sie Tiere die Rolle des Designers übernehmen ließ. Eine Ratte nagte an einer Rolle Tapete, die dadurch ein repetitives Muster erhielt. Eine Schlange erschuf eine Vase, indem sie den Ton mit ihrem Körper in Form quetschte. Und der Weg, den eine Fliege beim Kreisen um eine Lampe beschrieb, wurde von Front selbst in eine Lampe verwandelt.



Du hast ein Problem!
Wenn man sich solch kategorisierender Begrifflichkeiten überhaupt bedienen möchte, könnte man sagen, dass es typisch für das derzeitige skandinavische Design ist, die Dinge aus neuen Perspektiven zu betrachten, Fragen zu stellen und Probleme zu lösen. Der jungen Designgeneration geht es nicht mehr nur darum, ein funktionales, praktisches Stück Möbel zu entwerfen, sie will gleichzeitig soziale, umweltpolitische und gesundheitliche Probleme bewältigen. Ergonomisches und barierrefreies Design sind zwei Beispiele für dieses Bestreben. Die Vereinigung schwedischer Industriedesigner hat zusammen mit der nationalen Behindertenorganisation 2005 ein Projekt namens „Design für alle“ gegründet.  Das Ziel ist, ein größeres Bewusstsein für bestehende Unterschiede zwischen den Menschen zu schaffen und sich von den Standardisierungen zu entfernen, die im schwedischen Wohlfahrtsstaat als moderner Fortschritt betrachtet wurden. Das Heimforschungsinstitut hatte seit den 1940er Jahren jährlich Tabellen mit den neu errechneten und empirisch gesammelten Durchschnittsmaßen für Küche, Bad, Schrank und Bett veröffentlicht, die eingehalten werden mussten, damit die Bauunternehmer Zuschüsse für ihre Projekte bekamen. In den letzten Jahrzehnten wurde aber zunehmend die Problematik dieser Vereinheitlichungen erkannt und man versuchte stattdessen, spezifische Produkte für Bevölkerungsgruppen mit besonderen Bedürfnissen zu schaffen. Design für ältere Menschen, Design für Kinder, Design für Kranke – all dies sind Sparten, in denen sich das skandinavische Design seitdem hervorgetan hat.Seit einiger Zeit ist auch das so genannte grüne Design kräftig auf dem Vormarsch. Mit seinem Ausspruch: „In many ways, the environmental crisis is a design crisis“,  lieferte der Architekt Sim Van der Ryn in der Wallpaper das Programm für eine neue Designergeneration. Die Art und Weise, wie wir gebaut, produziert und konsumiert haben, war einfach nicht mit der Natur kompatibel, meint er. In Skandinavien versuchen derzeit viele Designer, einen zweiten Versuch zu starten, der die Fehltritte der letzten Jahrzehnte wieder gut macht und sich im Frieden mit der Natur durchführen lässt. Mehr Modedesigner als je zuvor verwenden ökologische Materialien und lassen ihre Kleidung ausschließlich unter Fair Trade-Bedingungen herstellen. Und dies auf einem High-Fashion-Level. Die Gruppe Muungano fokussiert zum Beispiel ganz auf die sozialen und ökologischen Aspekte von Design. Sie meint, dass sich die Rolle des Designers im Wandel befindet, man entfernt sich vom produktorientierten Denken hin zu innovativem Denken in Prozessen. Das schwedische „Interaktiva Institutet“ ist eine weitere Designautorität, die sich auf die Suche nach neuen Ansätzen gemacht hat. Das Institut führt Studien über Design durch und hat neue, spannende Energiesparprodukte entwickelt. Die Idee ist, die Menschen auf eine neue Weise zum  Energiesparen anzuregen. Anstatt zu belehren und zu erklären, wieso dies gut und jenes schlecht ist, wird Design benutzt, um ein Problembewusstsein zu schaffen. Die Lampe „Flower“ zum Beispiel belohnt den Anwender, sobald dieser den Energieverbrauch senkt, indem sie wie eine Blume aufblüht und schöner wird. Ein anderer Prototyp, den das Interaktiva Institutet in seinem Projekt „Static“ erarbeitet hat, ist eine Heizung aus Glühlampen, die anschaulich zeigt, dass 95 Prozent der Energie einer Glühlampe zu Wärmeenergie umgewandelt wird. Die Heizung ist aus Glas, Metall und so vielen Glühlampen gefertigt, dass sie ebenso effektiv wie eine elektrische Heizung sein kann. Außerdem sieht man deutlich, ob die Heizung an ist oder nicht. Ist der Raum warm, so leuchtet die Heizung nur schwach, ist es dagegen kalt, so glühen die Lampen stark. Und so scheint es auch mit dem skandinavischen Design zu sein, das nach wie vor eine bemerkenswerte Qualität hat und – wie dieser Artikel hoffentlich zeigen konnte – beileibe nicht still gestanden ist. In kalten Gegenden glüht eben auch die Kreativität stark!